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Diätetik

1. Über die Multiple Sklerose

Weltweit sind ca. 2 Mio. [1], in Österreich 8.000-10.000 Menschen [2] von Multipler Sklerose (MS), einer der häufigsten neurologischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter, betroffen.

Es handelt sich dabei um eine immunvermittelte chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems, die zu Demyelinisierung (Zerstörung der Nervenfaser-Isolationsschicht zur Reizweiterleitung) und letztlich zu Schäden an den Axonen (Nervenfasern) selbst führt [3].

In der DGN/ KKNMS Leitlinie zur Diagnose und Therapie der MS 2014 werden folgende Stadien und Verläufe der MS genannt [3]:

  • das klinisch isolierte Syndrom (KIS)
  • die schubförmige („relapsing-remitting“, RRMS),
  • die sekundär progrediente (SPMS) und
  • die primär progrediente (PPMS) Verlaufsform.

Die MS wird nicht umsonst „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ genannt, zeigen sich doch sehr unterschiedliche Symptome. Besonders zu nennen ist das sogenannte „Fatigue-Syndrom“, die typisch rasche Ermüdung des/der PatientIn. Weitere auftretende Symptome sind Sensibilitätsstörungen (Missempfindungen, Ameisenlaufen, Taubheitsgefühl), Lähmungen, Gehstörungen, Gleichgewichts- und/oder Koordinationsstörungen, Sehstörungen (Doppelbilder, Farbsehstörungen), Sprach- und Schluckprobleme, Sexual- oder Blasenfunktionsstörungen sowie psychische Veränderungen (Depression, Konzentrationsschwäche) [4].

Die Ursachen für die Entstehung der MS sind multifaktoriell. Auf Basis einer genetischen Prädisposition kann sich, muss aber nicht, eine MS entwickeln. Als Risikofaktoren für Entstehung und Verlauf werden Umweltfaktoren der jeweiligen geografischen Region – v.a. Infektionskrankheiten, aber auch Ernährung, Stress und Rauchen – diskutiert [5].

2. Der Einfluss der Ernährung auf die Multiple Sklerose

Eine den strengen Anforderungen einer evidenzbasierten Medizin genügende diätetische Therapie für MS-PatientInnen gibt es nicht. Eine vollwertige Ernährung kann aber die Entzündung und den dabei entstehenden oxidativen Stress durch freie Radikale positiv beeinflussen [4] [5]. MS-Erkrankte profitieren ebenso wie Gesunde von einer abwechslungsreichen und ausgewogenen Lebensmittelauswahl. Die Basis hierfür bilden die Empfehlungen des Bundesministeriums für Gesundheit (Österreichische Ernährungspyramide). Bestimmten Nährstoffen soll laut aktueller Forschung im Zusammenhang mit MS besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Fettkonsum & Entzündungsmediatoren

Auch wenn der tägliche Fettkonsum nicht über 30% der Energieaufnahme hinausgehen soll, so sind Fette dennoch unverzichtbar für den menschlichen Organismus. Sie sind Energielieferant, Träger fettlöslicher Vitamine, Isolator (Kälteschutz) und Stütze für unsere inneren Organe. Bedeutend ist nicht nur die Quantität (Menge) der Fette, sondern auch die Qualität (Güte).

In zahlreichen epidemiologischen Studien werden Fette zur Beeinflussung von Entzündungsmediatoren bei MS diskutiert [5].Eine Schlüsselrolle in dieser Diskussion nehmen die ungesättigten Fettsäuren, dabei besonders die Arachidonsäure ein.

  • Gesättigte Fettsäuren werden oft in hohen Mengen durch tierische Produkte (Fleisch- und Wurstwaren, Butter, Milch und Milchprodukte) aber auch über Kokos- oder Palmkernfett sowie industriell verarbeitete Fette (v. a. in Fertigprodukten) aufgenommen, obwohl sie maximal 10% der täglichen Energieaufnahme liefern sollten.
     
  • Einfach ungesättigte Fettsäuren sollten mindestens 10% der täglichen Energieaufnahme ausmachen. Als Quelle zählen Oliven(öl), Rapsöl, Sonnenblumenöl, Erdnuss(öl), Avocados, Haselnüsse, Mandeln und Pistazien.
     
  • Mehrfach ungesättigte Fettsäuren sollten etwa 7-10% zur täglichen Energieaufnahme beitragen. Enthalten sind sie v. a. in Rapsöl, Leinöl, Sonnenblumenöl, Distelöl, Nüssen und fettreichen Seefischen. Einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren sollen > 2/3 der mit Fett zugeführten Energie ausmachen [12].

Die mehrfach ungesättigten Fettsäuren Omega-6 (z.B. Linolsäure) und Omega-3 (z.B. alpha-Linolensäure) stellen die Ausgangssubstanzen der endogenen Eicosanoidsynthese (Abb. 1) dar. Während Linolsäure als Vorstufe der Arachidonsäure dient, wird alpha-Linolensäure in der Leber zu Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) umgewandelt. Aus diesen Fettsäuren können Prostaglandine, Thromboxane und Leukotriene gebildet werden. Arachidonsäure wird mittels Cyclooxigenase zur Serie 2 der Eicosanoide (PGI2, TXA2) und mittels Lipoxygenase zur Serie 4 der Leukotriene (LTB4) metabolisiert, welche eine ausgeprägte chemotaktische Wirkung aufweisen und Entzündungsvorgänge fördern. Aus der Eicosapentaensäure gehen ausschließlich Eicosanoide der Serie 3 und Leukotriene der Serie 5 hervor, welche entzündungshemmende Eigenschaften aufweisen [11].

Abbildung 1: Eicosanoidsynthese [11]

Da sowohl die Omega-3 als auch die Omega-6 Fettsäuren das gleiche Enzymsystem nutzen, herrscht ein Konkurrenzkampf um diese Enzyme, bei dem gilt: Je kleiner das Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren ist, desto größer wird die Chance, dass die wichtigen Eicosapentaensäure (EPA) und die Docosahexaensäure (DHA) synthetisiert werden können.
 

Ein Verhältnis von Omega 6- zu Omega 3-Fettsäuren von 5:1 wird laut den D-A-C-H Referenzwerten 2012 empfohlen. Dies entspricht einer Zufuhr von 2,5% Linolsäure zu 0,5% alpha-Linolensäure an der Gesamtenergieaufnahme für 15 bis über 65jährige [12]. Laut Österreichischem Ernährungsbericht 2012 werden diese Fettsäuren aktuell in einem durchschnittlichen Verhältnis von 11:1 (Frauen) bzw. 10:1 (Männer) aufgenommen.

Antioxidantien & Neurodegenerative Prozesse

Radikale werden in einem gesunden Organismus durch eine Reihe von Prozessen unter Kontrolle gehalten, an denen sowohl Enzyme als auch antioxidativ wirkende Substanzen beteiligt sind. Das dynamische Gleichgewicht kann durch Erkrankungen gestört sein, sodass biologisch wichtige Moleküle geschädigt werden (oxidativer Stress).

Konsequenzen von oxidativem Stress

ROS (reaktive Sauerstoffspezies) lösen Zellschäden aus, indem sie Makromoleküle (Fettsäuren von Zellmembranen, Proteine, DNA) oxidieren. Dies führt zu Funktionsstörungen auf zellulärer Ebene, die in weiterer Folge zu Krankheiten führen können [9].

Beeinflussung neurodegenerativer Prozesse über Antioxidantien

Freie Radikale und oxidativer Stress spielen im Rahmen zahlreicher entzündlicher und degenerativer Prozesse eine wichtige Rolle, weswegen auch bei Patienten mit MS erhöhte Konzentrationen dieser toxischen Metabolite zu finden sind. Radikale wie Superoxide und oxidierte Lipide könnten eine direkte Rolle bei der Schädigung der Myelinscheide und der Axone bei MS spielen. Vor allem im fortgeschrittenen Verlauf der MS, in der entzündliche Prozesse mehr und mehr in den Hintergrund treten, spielen solche neurodegenerativen Prozesse wahrscheinlich eine entscheidende pathophysiologische Rolle [5].

Ernährungsempfehlungen [8]

  • Reduktion der Aufnahme von Arachidonsäure, d. h. tierische Lebensmittel (Fleisch, Wurst, Ei, fettreiche Milch und Milchprodukte) einschränken – 2x/Woche mageres Fleisch oder Wurst, Bevorzugung von magerer Milch und Milchprodukten, vegetarische Gerichte
     
  • Erhöhung der Aufnahme von Omega 3-Fettsäuren, d. h. fettreiche Seefische (Makrele, Lachs, Hering) 2x/ Woche, hochwertige pflanzliche Öle (Rapsöl zum Braten, Lein-, Soja- oder Walnussöl für die kalte Küche)

Durch eine ausgewogene Ernährung werden beim Gesunden auch antioxidativ wirkende Radikalfänger wie die Vitamine A, C, E und Carotinoide (z. B. ß-Carotin, Lutein, Lycopin) sowie die Spurenelemente Kupfer, Selen und Zink, die die Wirksamkeit der Antioxidantien verstärken, zugeführt [6]. Neue Untersuchungen zeigen, dass pflanzliche Phenole wahrscheinlich eine wichtigere Rolle spielen als andere Antioxidantien [9]. Bei Menschen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie z. B. MS kann der Bedarf an Antioxidantien erhöht sein, da durch Entzündungsprozesse verstärkt freie Radikale entstehen [6]. Eine generelle Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wird dennoch nicht empfohlen [5][6][8]. Art und Dosierung eventueller Präparaten sollte stets unter Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen, da eine übermäßige Zufuhr bestimmter Nährstoffe (z. B. fettlösliche Vitamine, Vitamin B6) Schaden anrichten kann[6].

  • Vitamin E: pflanzliche Öle (Weizenkeim- oder Sonnenblumenöl), Nüsse, Getreide
  • Vitamin C: Paprika, Petersilie, Kiwi, Orangen, Zitronen, Beeren, Hagebutten
  • Vitamin A/ Carotinoide: Kürbis, Karotten, Pfirsich, Marille, Tomate, Grapefruit, Mangold, Spinat, Dill, Kresse, Petersilie, Mais
  • Kupfer: Vollkorngetreide, Nüsse, Kakao, einige grüne Gemüsesorten, Fisch, Schalentiere
  • Selen: Vollkorngetreide, Fisch, Sesam, Kokosnuss, Sojabohnen, Eier
  • Zink: dunkles Muskelfleisch, Fisch, Schalentiere,Getreidekeimlinge, Haferflocken, Nüsse, Hülsenfrüchte

Vitamin D & Immunologische Prozesse

Aus epidemiologischen Studien geht die Hypothese hervor, Vitamin D habe einen Einfluss auf die Inzidenz (Anzahl der Neuerkrankungen) von MS. Ein positiver Effekt von Vitamin D auf die MS wird propagiert [5]. Vitamin D scheint des Weiteren einen Beitrag zur Regulierung der Immunreaktion zu leisten, indem es Angriffe von gegen körpereigenes Gewebe gerichteten T-Lymphozyten abbremst [6]. Durch Vitamin D wird zudem die Calciumaufnahme aus dem Darm und dessen Einbau in die Knochen gefördert, was wesentlich zur Vorbeugung von Osteoporose beiträgt [7].

Vitamin D kann vom Menschen unter UVB-Lichtexposition (Sonnenbestrahlung) selbst gebildet werden. Wieviel die endogene Synthese zur Versorgung beiträgt,  hängt stark von geographischen und klimatischen Bedingungen ab und ist schwer abschätzbar. In Deutschland und Österreich liegt der UV-Index während etwa 6 Monaten allerdings zu niedrig, um eine ausreichende Synthese sicherzustellen [10].Seinen Vitamin D-Bedarf über den alleinigen Verzehr von Lebensmitteln zu decken ist schwierig, da die Auswahl an Vitamin-D-reichen Lebensmitteln (fettreiche Fische wie Lachs, Forelle, Thunfisch oder Hering; Milchprodukte, Eier, Pilze, Spinat, einige Kohlarten und Hefe) begrenzt ist.

Nahrungsergänzungsmittel

Ob und in welcher Dosierung die Einnahme von Supplementen zur Beeinflussung des Verlaufs der MS sinnvoll ist, wird derzeit in laufenden Studien untersucht [5]. In jedem Fall sollte vor einer eventuellen Supplementierung das Gespräch mit dem behandelnden Arzt gesucht werden.

Weitere Informationen über die Multiple Sklerose finden Sie auf der Homepage der Österreichischen Multiple Sklerose Gesellschaft und der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V..

 

© ÖGE (2014)

 

Quellen

 

[1] HEIN T, HOPFENMÜLLER  W. Hochrechnung der Zahl an Multiple Sklerose erkrankten Patienten in Deutschland. Nervenarzt 2000; 71: 288–293

[2] BAUMHACKL U., EIBL G., GANZINGER U et al.: Prevalence of multiple sclerosis in Austria. Results of a nationwide survey. Neuroepidemiology. 2002 Sept-Oct; 21(5): 226-34

[3] Deutsche Gesellschaft für Neurologie: DGN/ KKNMS Leitlinie zur Diagnose und Therapie der MS. 2014

[4] WERNER G.: Besser leben mit Multipler Sklerose, UGB-Forum 02/2002: 69-71.

[5] LEUTMEZER F.: Multiple Sklerose, Ernährung aktuell 03/2013: 10-11.

[6] PÖHLAU D., WERNER G., Gesund essen bei Multipler Sklerose, Trias Verlag, 2009

[7] KONRAD M., GUNZER W.: MSpeis und Trank. MService, 2013

[8] KONRAD M.: Ernährungsempfehlungen bei Multipler Sklerose, Ernährung aktuell 03/2013: 12-13

[9] KNASMÜLLER S, MISIK M, PARZEFALL W et al. Krebs und Ernährung. Risiken und Prävention- wissenschaftliche Grundlagen und Ernährungsempfehlungen. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York, 2014.

[10] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Neue Referenzwerte für Vitamin D. Internet: http://www.dge.de/modules.php?name=News&file=article&sid=1193 (Stand: 12.5.2014).

[11] BIESALSKI HK, GRIMM P. Taschenatlas Ernährung. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York, 2011.

[12] D.A.C.H. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Neuer Umschau Buchverlag, 1.Auflage, 5., korrigierter Nachdruck 2013.

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